Es hat geregnet, dein Pferd ist nass bis auf die Haut, und du stehst im Stall mit einer Abschwitzdecke in der Hand. Eindecken oder nicht? Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie viele Reiter glauben. Wer hier voreilig handelt, riskiert, dass sich das Pferd erkältet oder schwitzt, ohne dass es jemand merkt.
Warum ein nasses Pferd nicht einfach eingedeckt werden sollte
Pferde regulieren ihre Körpertemperatur über die Haut. Wenn das Fell nass ist, funktioniert dieser Mechanismus eingeschränkt. Eine Decke, die man über ein komplett durchnässtes Pferd legt, schließt die Feuchtigkeit ein. Das Fell trocknet kaum, die Körperwärme staut sich, und im schlimmsten Fall beginnt das Pferd erneut zu schwitzen. Das Ergebnis: ein Kreislauf aus Nässe und Stau, der zu Hautreizungen oder Muskelverkrampfungen führen kann.
Besonders kritisch ist die Situation bei Pferden, die gerade aus der Arbeit kommen. Ein warmgerittes Pferd, das durch Schweiß nass ist, braucht zunächst Bewegung zum Abkühlen, bevor überhaupt eine Decke infrage kommt. Wer das Pferd sofort eindeckt, verhindert, dass Dampf und Wärme entweichen können.
Regen und Schweiß: ein wichtiger Unterschied
Nicht jede Art von Nässe ist gleich. Regenfeuchtes Fell, das von außen nass ist, verhält sich anders als ein von innen durchgeschwitztes Fell. Bei Regennässe ist die Haut oft noch trocken, das Fell aber wasserdurchtränkt. Hier kann eine atmungsaktive Abschwitzdecke aus Polarfleece oder einem ähnlichen Material durchaus sinnvoll sein, weil sie Feuchtigkeit nach außen transportiert, während sie den Rücken schützt.
Schweiß hingegen kommt von innen. Das Fell liegt am Körper an, die Haut ist ebenfalls feucht. In diesem Fall ist Bewegung an der Hand oder leichtes Ausreiten im Schritt die bessere Wahl, bevor eine Decke zum Einsatz kommt. Wer direkt nach einer schweißtreibenden Einheit eindeckt, sollte zumindest eine Abschwitzdecke wählen, die Luft zirkulieren lässt, und das Pferd regelmäßig kontrollieren.
Wann eine Decke tatsächlich hilft
Es gibt Situationen, in denen das Eindecken eines nassen Pferdes sinnvoll oder sogar notwendig ist. Dazu gehören:
- Alte oder kranke Pferde mit eingeschränkter Thermoregulation, die bei Kälte und Nässe schnell auskühlen
- Pferde ohne Winterfell, zum Beispiel Turnierpferde, die geschoren wurden und deren natürlicher Schutz fehlt
- Sehr dünne oder geschwächte Tiere, die nach einer Erkrankung wenig Körperfett und damit kaum Wärmereserven haben
- Temperaturen unter 5 Grad Celsius kombiniert mit starkem Wind, wenn das Pferd gleichzeitig stark durchnässt ist
In all diesen Fällen gilt: erst grob abreiben, dann eine atmungsaktive Decke anlegen, das Pferd aus dem Wind bringen und regelmäßig kontrollieren. Eine gute Abschwitzdecke aus Mikrofaser oder Fleece transportiert die Restfeuchte nach außen, ohne Wärme komplett zu stauen.
Schritt für Schritt: So gehst du bei einem nassen Pferd vor
Konkret bedeutet das in der Praxis folgende Reihenfolge:
- Pferd aus dem Regen oder der Kälte holen und in eine windgeschützte, trockene Umgebung stellen
- Mit einem Sweat-Scraper oder einem trockenen Handtuch grob das Oberflächenwasser vom Fell entfernen, besonders an Rücken, Kruppe und Bauch
- Den Puls und die Atemfrequenz kurz einschätzen: Ein warmgerittes Pferd braucht Bewegung, kein direktes Eindecken
- Erst wenn das Pferd sich abgekühlt hat und der Puls unter 60 Schläge pro Minute liegt, eine Abschwitzdecke anlegen
- Nach 30 bis 45 Minuten unter der Decke nachschauen, ob das Fell trockener wird oder ob sich erneut Schweiß bildet
- Ist das Fell trocken und das Pferd warm, kann die Decke abgenommen oder durch eine leichtere Stalldecke ersetzt werden
Auf der Website Nasses Pferd eindecken findest du ergänzende Informationen dazu, welche Deckentypen für welche Situation geeignet sind und worauf man beim Kauf achten sollte.
Deckentypen im Überblick
| Deckentyp | Geeignet für | Nicht geeignet für |
|---|---|---|
| Abschwitzdecke (Fleece/Polar) | Nasses Fell nach Regen oder Arbeit | Starke Kälte unter 0 Grad |
| Regendecke (wasserdicht) | Schutz vor Regen auf der Weide | Bereits nasses, schwitziges Fell |
| Stalldecke (gefüttert) | Trockenes Pferd bei Kälte im Stall | Nasses Fell, direkt nach Arbeit |
| Kühldecke | Heißes Pferd nach intensiver Arbeit | Kältebedingtes Auskühlen |
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
Ein klassischer Fehler ist das sogenannte „Warm-Eindecken“: Das Pferd kommt aus einer anstrengenden Trainingseinheit, schwitzt, und wird sofort mit einer dicken Stalldecke abgedeckt. Wer das Pferd dann nicht regelmäßig kontrolliert, merkt erst nach Stunden, dass das Tier unter der Decke weiter schwitzt und auskühlt, sobald die Decke abgenommen wird.
Ein weiterer Fehler ist das Eindecken mit feuchten oder verschmutzten Decken. Eine Decke, die selbst feucht ist, bringt keine Wärme und kann Hautpilz begünstigen. Decken sollten regelmäßig gewaschen und vollständig getrocknet aufbewahrt werden.
Außerdem unterschätzen viele Pferdebesitzer, wie gut gesunde Pferde mit Kälte und Regen umgehen können, wenn sie ein volles Winterfell haben. Ein robustes Pferd mit dichtem Fell, das Zugang zu einem Unterstand hat, braucht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in der Regel keine Decke, auch wenn es nass ist. Die natürliche Isolierwirkung des aufgestellten Winterfells funktioniert erstaunlich gut, sofern das Fell nicht durch Schweiß zusammengeklebt ist.
Fazit: Beobachten statt automatisch eindecken
Die wichtigste Regel beim Umgang mit einem nassen Pferd lautet: erst beobachten, dann handeln. Zittert das Pferd? Stellt es das Fell auf? Wirkt es apathisch oder unruhig? Das sind Zeichen, dass Hilfe nötig ist. Ein Pferd, das entspannt in der Box steht oder friedlich auf der Weide grast, reguliert seine Temperatur in der Regel selbst.
Wenn eine Decke sinnvoll ist, dann immer eine, die zur Art der Nässe und zur Temperatur passt. Atmungsaktive Materialien, saubere Decken und regelmäßige Kontrolle sind entscheidend. Wer diese Punkte beachtet, macht wenig falsch, auch wenn das Pferd einmal richtig nass geworden ist.


